Klarheit in Strukturen und Sanktionen

 

 

 

Walldürn. "Alle handeln angemessen - AHA". Diese Losung hat sich das Erzbischöfliche Kinder- und Jugendheim St.Kilian in Walldürn auf die Fahnen geschrieben und bezieht die jungen Menschen in die Entscheidungsfindung bei anstehenden Problemen im Zusammenleben mit ein. Seit geraumer Zeit existiert ein sogenannter Partizipationszirkel, der mit Erwachsenen und jungen Leuten aus der Einrichtung besetzt ist.

Eine besondere Rolle spielt der "Rat der Weisen" - hier sind paritätisch sechs Erwachsene und sechs Jugendliche vertreten. Es wird offen über Lösungen bei auftauchenden Fragen diskutiert.

Zum 20. Jahrestag der Einführung der UN-Kinderrechtskonvention besuchen die Fränkischen Nachrichten das Kinder- und Jugendheim und erhalten Einblick, wie genau in der Einrichtung, die insgesamt 120 junge Leute voll- und teilstationär sowie 110 Schüler betreut, die Vorgaben der Vereinten Nationen umgesetzt werden.

"Ziel ist es, einen Leitfaden zum Thema Kinderrechte zu erstellen", erklärt der stellvertretende Heimleiter Steffen Gimber zur Arbeit des Partizipationszirkels, der sich seit Beginn des Schuljahres einmal monatlich trifft. Dadurch will man mehr Transparenz schaffen in der Erziehungsarbeit. Und Gruppenleiter Jürgen Rieger fügt an: "Wir wollen keine Hochglanzprospekte, sondern konkrete Angebote für die Kinder und Jugendlichen". Er hat die jungen Leute befragt, wo es noch Handlungsbedarf im täglichen Zusammenleben gibt.

Themen im "Rat der Weisen" sind zum Beispiel Ordnung und Sauberkeit auf dem Heimgelände. Die jungen Leute kontrollieren und bewerten, wie sich ihre Mitbewohner verhalten und vergeben Punkte. Sie nehmen diesen Job sehr ernst und geben eine objektive Beurteilung ab, hört man von den Erwachsenen in der Runde.

Auch wenn Kinder Probleme haben, können sie sich an die jungen Mitglieder im "Rat der Weisen" wenden. Und auch dann, wenn beispielsweise Übergriffe eines Jugendlichen auf einen externen Schüler und dessen Mutter gibt, tritt das Gremium auf den Plan. Wenn sich jemand vor dem "Rat der Weisen" rechtfertigen muss, zeigt das Wirkung.

Allerdings, so merken Jürgen Rieger und der Schulleiter der Heimschule, Frank Hemberger, an, müsse man auch die Grenzen sehen, was junge Menschen als Ratsmitglied leisten können und wo die Erwachsenen gefordert seien. "Es geht um einen gemeinsamen Prozess, in dem junge Leute lernen müssen, Verantwortung zu übernehmen", betont Rieger. Denn Rechte, Freiheit und Verantwortung gehören zusammen.

Vier junge Mitglieder im "Rat der Weisen" stehen den Fränkischen Nachrichten Rede und Antwort. Adrian Schulz (15) erklärt: "Jeden Sonntag gibt es eine Jugendkonferenz, in der störende Faktoren im Zusammenleben besprochen werden - ohne Erzieher. Erst bei größeren Sachen kommt ein Pädagoge hinzu. Unter anderem geht es darum, wie der Dienste-Plan der Heimbewohner optimiert werden kann."

Tobias Hadzic (14) betont: "Wir fühlen uns gut an den Entscheidungen beteiligt. Es wird meist Rücksicht auf unsere Argumente genommen."

Kim Hoch (13) sagt es offen heraus: "Es ist wichtig, dass wir unsere Meinung mehr einbringen können."

Dass ein Vorstoß der Jugendlichen zur Handy-Nutzung fruchtete, freut Sandra Ströhlein (12) besonders: "Es ist gut, dass besprochen wurde, wie und wann wir Handys nutzen dürfen." Das setzt freilich Vertrauen der Erwachsenen voraus, dass die Absprachen auch eingehalten werden, betont Jürgen Rieger, der in seiner Diplomarbeit festgestellt hat, dass es immer wieder Felder gibt, wo das Zusammenleben in der Gemeinschaft verbessert werden kann.

Der Schulleiter der Nardini-Schule am Kinder- und Jugendheim Frank Hemberger, macht deutlich: "Es geht um klare Strukturen und klare Sanktionen." Und Jürgen Gimber weiß aus Erfahrung: "Es ist wichtig, je nach Sachlage und für die Kinder nachvollziehbar zu entscheiden."

Denn das Ziel der Bemühungen ist die Rückführung der jungen Leute ins Elternhaus beziehungsweise die Entlassung in ein selbständiges Leben.

Fränkische Nachrichten, Maria Gehrig
20. November 2009

 

nach oben