Flüchtlinge aus Afghanistan

Jugendliche aus Afghanistan sprechen über ihre Heimat

“Analysten sehen Finsternis – meine Aufgabe ist es, Hoffnung zu schaffen.”

Mit diesen Worten wollte Afghanistans Präsident Ashraf Ghani Ende des vergangenen Jahres einen Massenexodus aus seinem Land verhindern. Es gebe sichere Gebiete in Afghanistan, behauptete er damals. Dass Beobachter die Sicherheitslage in weiten Teilen des Landes als prekär einstufen, wollte Ghani damals nicht akzeptieren. Doch noch immer fliehen viele Afghanen vor Krieg und Terror und begeben sich auf eine beschwerliche Reise – der 21-jährige Lotfollah “Lotti” Mohammadi sowie die beiden 19-jährigen Abdul Hamid Moradi und Mawlana Hussaini kamen so nach Walldürn. Die Rhein-Neckar-Zeitung hat bei den drei Jugendlichen nachgefragt, wie sie die Lage in ihrer Heimat einschätzen.

“Lotti” ist schon seit knapp acht Jahren in Deutschland. Den langen Weg nahm er allein auf sich, setzte sich als 13-Jähriger in der Türkei mit lauter Fremden in ein Schlauchboot, um die Ägäis zu überqueren. “In Griechenland ging es dann mit dem Lkw weiter”, erinnert er sich – zuerst nach Karlsruhe und von dort als “UMA” (unbegleiteter minderjähriger Ausländer) ins Kinder- und Jugendheim St. Kilian nach Walldürn. Inzwischen hat er sich hier ein Leben aufgebaut: “Lotti” arbeitet als Verfahrensmechaniker, hat eine eigene Wohnung, einen Führerschein und ein Auto. Nach Afghanistan möchte er vorerst nicht zurück.

“Unser Präsident hat bei seinem Besuch gesagt, Afghanistan ist sicher. Aber das ist eine Lüge.” Mit seiner Mutter und seinen Geschwistern in Afghanistan steht “Lotti” regelmäßig in Kontakt, sein Vater ist im Krieg gestorben. “Wenn ich mit meiner Mutter telefoniere, erzählt sie mir jedes Mal von neuen Raketen und Bomben”, sagt der 21-Jährige.

Hamid hat sogar beide Eltern verloren. In Afghanistan hat er noch einen Bruder, der bei der Polizei arbeitet. “Die Taliban haben ihn entführt. Sie haben das komplette Revier leer geräumt. Das war vor ungefähr zwei Monaten. Die Taliban haben sich dazu bekannt – seitdem hat Hamid nichts Neues gehört”, übersetzt “Lotti” für den 19-Jährigen. Zusammen mit Mawlana kam Hamid vor etwa einem Jahr nach Deutschland. “Wir haben unser Leben riskiert, um hierherzukommen”, sagt Hamid.

Denn seine Reise nach Deutschland stand gleich von Beginn an unter einem schlechten Stern. Kaum über die Grenze hinaus wurde Hamid im Iran festgenommen. “Die Polizei hat ihn drei Tage lang eingesperrt und dann zurück nach Afghanistan geschickt”, übersetzt “Lotti”. Hamid ist kein Einzelfall: Die Regierung im Iran hat bereits Tausende afghanische Flüchtlinge kurzerhand ausgewiesen, ohne dass diese die Gelegenheit erhielten, Asyl zu beantragen. Erst im September erregte die iranische Polizei großes Aufsehen, als sie afghanische Flüchtlinge mit verbundenen Augen und angekettet in Käfigen zur Schau stellte.

Hier in Walldürn ist alles viel besser – hier sind wir glücklich und fühlen uns sicher!

Bei seinem zweiten Versuch gelang der “Sprung” nach Europa. In Griechenland traf er Mawlana, zusammen wanderten die beiden weiter durch Mazedonien. Da sei Hamid von der Polizei attackiert, zusammengeschlagen und mit einem Elektroschocker angegriffen worden – er habe noch heute Schmerzen im Arm, übersetzt “Lotti”. “Wir haben unterwegs keine Hilfe bekommen, obwohl wir hungrig und durstig waren”, erinnert sich Mawlana zurück. Stattdessen versuchten einige, von der Not der Flüchtlinge zu profitieren. “Es gab dort Leute, die uns eine Flasche Wasser für 4 Euro verkauft haben, als wir nichts mehr zu trinken hatten.”

Trotz all dieser Strapazen hat sich die Reise für die beiden gelohnt. “Hier in Walldürn ist alles viel besser – hier sind wir glücklich und fühlen uns sicher”, sagen Hamid und Mawlana. Dankbar sind die beiden für jede Hilfe, die sie bekommen. Dazu zählen vor allem die Lehrer in der Frankenlandschule, die ihnen Sprachunterricht geben, und “Lotti”. Er hilft ihnen bei den kleinen Problemen im Alltag, für die ihre Deutschkenntnisse noch nicht ausreichen.

Ob Arztbesuch oder Behördenbrief – “Lotti” unterstützt mehrere seiner Landsleute in seiner freien Zeit. “Die, die schon länger da sind, müssen den Neuankömmlingen helfen”, sagt er. Denn erst wenn Flüchtlinge die deutsche Sprache beherrschten, könnten sie sich selbstständig um ihre Angelegenheiten kümmern. Um “Lotti” hatten sich vor allem Herbert Baumbusch vom Kinder- und Jugendheim St. Kilian sowie sein heutiger Chef bemüht. Die Sprache musste er aber erst mühsam lernen, bevor seine Integration gelingen konnte.

Hamid und Mawlana profitieren dagegen von den Erfahrungen, die Deutschland in den vergangenen Jahren im Umgang mit Flüchtlingen gesammelt hat. “Sie wollen lernen, zur Schule gehen und sich eine Zukunft aufbauen. In Afghanistan hatten sie diese Möglichkeit nicht”, übersetzt “Lotti”. Wenn sie das erreicht haben, wollen sie auch etwas zurückgeben und anderen helfen – so wie “Lotti”.

Ihre Heimat vermissen die beiden aber trotz allem. “Afghanistan ist wie eine Mutter für uns – und welches Kind möchte schon seine Mutter verlassen”, sagt Hamid auch für Mawlana. “Sollte Afghanistan jemals wieder sicher sein, möchte ich unbedingt zurück.” Den Aussagen ihres Präsidenten schenken die drei keinen Glauben. Zur Sicherheitslage in seinem Land hatte Ghani gesagt, dass die Definition von Sicherheit “nicht absolut, sondern relativ” sei. Menschen hätten unterschiedliche Auffassungen, was sie als sicher oder unsicher empfänden. Für Hamid, Mawlana und “Lotti” steht jedenfalls fest: “Afghanistan ist nicht sicher.”

 

RNZ vom 08.11.2016 Janek Mayer



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